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Es nervt mich…

…dass ich als Femin_istin bzw. als Mensch die Formen, die ich explizit für Männer verwende, wie z.B. Arbeiter, Student, etc. gleichzeitig in sehr vielen Kontexten auch als die Form lesen und hören muss, die sich auf „alle“ Personen beziehen soll, auch auf mich und „alle mitmeint“ (LOL – „mitmeinen“!). Das leidige generische Maskulinum, dass ich immer wieder als eine Gleichsetzung von Mann = Mensch lese – alles andere ist eine Abweichung. Das kotzt mich an.

Liebes Grosi

In meinem letzten Blogeintrag beklagte ich Murphys Law und gratulierte dir zum Geburtstag. Das konntest du ja aber nicht lesen, weil du in deinem Leben wohl gar nie im Internet gesurft bis und deine Augen zu schwach waren, noch irgendetwas zu lesen. Auf meinem Pullover mit den farbigen Buchstaben hast du farbige Punkte erkannt – das war irgendwie charmant und trotzdem traurig.

An meinen fünf Säulen der Identität, deren Zeitpunkt für Veränderung ich herbeigesehnt habe, habe ich inzwischen bauen können – das Warten wurde belohnt: Meine neue Arbeit ist wunderbar. Viele neue Menschen mit viele Ideen, viele Möglichkeiten weiter zu denken als bisher möglich war. Mir wichtige Dinge, um die ich bisher kämpfen musste, werden am neuen Arbeitsort einfach vorausgesetzt. Die Grenzen meiner Arbeit sind einzig meine eigenen – und auch die sind dehnbar. Der Einzug ins neue Daheim ist ebenfalls geglückt. Wir wohnen mit verwunschenem Garten, verwachsenen Balkonen, verwinkelten Zimmerchen, grünen Aussichten, Vogelgezwitscher und Taubengegurre – wie damals bei dir Zuhause. Noch nicht jeder Gegenstand hat sein Plätzchen und noch nicht jedes Plätzchen hat sein Gegenstand. Aber das Herz und die Seele sind hier Zuhause. Auch deine. Aber ich nehme an, du bist gar keine Zeit, bist wohl irgendwo unterwegs mit Päpu und ein paar FreundInnen am Jassen.  Ich lass dich gehen. Und falls du gewinnen willst, nicht vergessen: Herz ist Trumpf.

Ich glaube nicht an Dings, äh Gott_in und Götter und so. Aber manchmal frage ich mich schon, weshalb sich alles auf einen (1!!!) fucking Tag ballt. Alle Entscheidungen, Informationen und Handlungen, die relevant sind für den Rest des Lebens, und auch als solche deklariert sind, knallen so in kürzester Zeit auf einen rein. Logisch mache ich täglich 1000 Entscheidungen, die relevant sind für mein Leben – aber eben unbewusst. Die nehmen mir psychisch und kognitiv nicht so viel Kapazität weg. Andere Entscheidungen ploppen so mir-nichts-dir-nichts auf, oder man manövriert sich aktiv in die Scheisse rein und bemerkt es gar nicht. Und dass dann das alles in einem Tag kommt, wo über die nächsten Schritte im Leben entschieden wird, ist irgendwie schräg. Ist das das Murphys Law des Universums? Oder sind das einfach dumme Zufälle? Oder mach ich das irgendwie selber? Und geht das noch anderen so?
Als Agnostikerin kann ich ja sagen, ich weiss es nicht. Ist ja sehr gäbig. Trotzdem frage ich mich, how come?

Ein Tag in meinem Leben 1998: Am Morgen starb mein Meerschweinchen, tagsüber die Geburtstagsfeier, abends starb der geliebte Grossvater. Schlimm für eine 13jährige. Wirklich nicht lustig, den Grossvater UND das Meerschweinchen am selben Tag zu verlieren. Das Meerschweinchen vergrub ich im Garten, der Grossvater wurde verbrannt und dann auch vergraben. Dank der Pubertät war innert kürzester Zeit natürlich der eigene Liebeskummer wieder Thema und Not Nr. 1 und nicht der Tod von Familienmitgliedern. (Ja, mein Meerschweinchen war ein bisschen ein Familienmitglied. Und ja, ich habe das schon mit meiner Therapeutin besprochen. Es ist okay.)

Ein Tag in meinem Leben vor, rechne rechne, 8 Jahren: An diesem Tag zog ich aus von Zuhause; bemerkte, dass ich schwanger bin; mein damaliger Freund trennte sich von mir (nachdem er wusste, dass ich schwanger bin) und meine Welt brach zusammen. Im Nachhinein ist das ja halb so wild, weil überstanden und die Welt irgendwie wieder zusammen gebastelt. Der Freund war eh blöd, es kam bald ein besserer. Die Schwangerschaft schadlos (ja ja, für mich; für das Kind nicht, liebe Fristenregelungs-KritikerInnen und nein, es war kein einfacher Entscheid und ja, ich habe auch das mit meiner Therapeutin besprochen) beendet – Fristenregelung und allen KämpferInnen dafür sei Dank. Und der Auszug von Zuhause bewährte sich auch. Insbesondere für mich und meine Eltern. Wir haben uns viel lieber, seit ich nicht mehr mit ihnen zusammen wohne.

Ein Tag in meinem Leben vor 6 Jahren: Letzter Arbeitstag bei einer super Stelle, beim Abschiedsapéro ruft der Freund an, deklariert sich während des Anrufs als mein Ex-Freund (das Arschloch! – ja, auch mit meiner Therapeutin besprochen, auch verarbeitet, finde aber das Vorgehen nachwievor daneben – auch heute noch) und am nächsten Tag zog ich aus meiner WG in eine andere. Natürlich viel tollere WG. Dort wohne ich noch heute. Und der Freund der dann irgendwann danach kam, ist glücklicherweise mein Traummann und noch heute da.

Ein Tag in meinem Leben: heute. Es hätte ein Tag mit Entscheidungen sein können. So krassen, bisschen an den fünf Säulen der Identität rütteln. (Nein, mein Traummann tausche ich nicht aus!) Aber nix da, alle sind auf dem Vertrösterli-Trip, Entscheidungen später oder irgendwann oder ich weiss auch nicht. Und ich bin enttäuscht, weil das Leben nicht über mich herfällt. Dabei könnte ich glücklich sein dafür. Und mit meiner Grossmutter, ja, der Frau, die 1998 ihren Mann verloren hat, ihren 92. Geburtstag feiern. HAPPY BIRTHDAY GRANNY!

Korrekturen

Irgendwann schrieb mal jemand, dass wenn man etwas schon immer so gemacht habe, sei es höchstwahrscheinlich falsch. Das geht mir immer so mit Zitaten (oder heisst es Zitate?). Egal. Es kommt ja auf den Inhalt an, nicht auf die Rechtschreibung. Erstes Zitat – naja, es ist wohl nicht mal ein Zitat, es ist so schlecht.

„Schönheit liegt im Auge des Betrachters“
finde ich ja unter jeder Sau. Es impliziert mir, dass der Betrachter (wer auch immer das sein mag, aber es ist nach meinem Verständnis ein Mann, weil: DER Betrachter) entscheidet, was schön ist – und was nicht. Ich muss dann immer an die – zum Glück verblassenden – Schönheitsideale der Modeindustrie denken: schwule Männer sagen, wie Frauen auszusehen haben. Gähn! (oder Kotz! – je nach dem.) Korrekt würde der Satz also so lauten: „Schönheit liegt im Auge der Betrachtenden“. Oder noch besser: „Schönheit ist fucking Geschmackssache – also mach was du willst – hauptsache dir gefällts und du fühlst dich wohl dabei!“ Aber ich will ja hier nicht aus Scheisse Halbscheisse machen.

Deshalb: viel spannender finde ich folgendes Zitat, das auch wirklich ein Zitat ist und nicht so Pseudophilosphie:

„Nicht der Mangel der Liebe, sondern der Mangel der Freundschaft macht die unglücklichen Ehen.“
hat der Friedrich Nietzsche gemeint. Und ich bin einverstanden, wenn man denn Ehen durch PartnerInnenschaften oder Beziehungen oder ähnliches auswechseln könnte. Das würde dann irgendwie so tönen: „Nicht der Mangel der Liebe, sondern der Mangel der Freundschaft macht die unglücklichen Beziehungen.“

Immer wieder so richtig geil doof finde ich das ständig falsch zitierte Zitat bzw. Gedicht von – eben nicht Bertold Brecht – sondern Carl Sandburg: „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin…“. Das Zitat ist noch nicht fertig, es geht weiter und zwar so: „..dann kommt der Krieg zu euch“. Und natürlich geht das Zitat noch weiter bzw. ist es ein Auszug aus einem Gedicht von Sandburg.

Diese Beispiele und noch viele andere veranlassen mich, mal mit dem ganzen Zitatscheiss aufzuräumen. Wir müssen ja nicht immer wieder gescheide – oder weniger intelligente – Worte, aus falscher Bescheidenheit inkorrekt zitieren, obwohl wir es besser wüssten. Oder sie nicht überholen, obwohl sie es nötig hätten. Das heisst aber nicht, dass wenn ich jetzt die Zitate neu schreibe, diese nun richtig sind. Ich hoffe sehr, dass sie in einigen Jahren wieder zerpflückt und berichtigt werden, dank neuem Wissen. Stillstand ist Tod.

 

Als Kind hatte ich die Idee, dass es Reihenfolgen gibt. Ich habe meine Plüschtiere sortiert und in eine Reihenfolge nach Grösse gebracht. Ich konnte genau sagen, wer meine beste und wer meine zweitbeste Freundin ist. Ich wusste, dass nach dem Kindergarten die Schule kommt – weiter konnte ich noch nicht denken. Ich wusste auch, dass Leute ragieren, wenn man Reihenfolgen, die die Gesellschaft sich wünscht, nicht eingehalten wurden. Wohl weil ich ein unehliches Kind bin. Das war vor bald 29 Jahren nicht schlimm, aber irgendwie musste trotzdem nachgefragt werden. Früher waren Reihenfolgen wohl irgendwie noch konsistenter und  präsenter als heute. Man kam auf die Welt, war Kind, ging in die Schule, machte eine Ausbildung, arbeitete etwas, heiratete oder auch nicht, bekam Kinder oder auch nicht, arbeitete weiter bis zur Pensionierung, wurde pensioniert, wurde richtig alt und starb. „Eis nachem angere wie ds Paris“, pflegte eine alte Nachbarin zu sagen, als ich Kind war. Sie wurde 98ig. Wohl auch, weil sie sich nicht stressen liess und wirklich immer nur eine Sache aufs Mal machte. Das leuchtete mir ein. Multitasking gab es damals noch gar nicht. Und all die Ablenkungen des heutigen Lebens, wie Handys und Laptops und Internet, auch nicht.

Als meine Eltern dann heirateten – ich war drei Jahre alt, sie hatten es sich gut überlegt und sind wohl deshalb auch heute noch zusammen – behielt meine Mutter ihren Namen. Reihenfolge doch noch eingehalten, aber mit Abstrichen – oder je nach Perspektive mit Vorteilen. Sie ist eine moderne Frau. Bis 20ig wurde ich immer gefragt, weshalb den meine Mutter anders heisse als ich und mein Vater – es schien die Menschen zu beschäftigen. Dann zog ich aus, in die Stadt und wurde von aussen als eigenständiger Mensch angeschaut. Keine Fragen mehr zum Namen. Und heute ist mit dem neuen Familiengesetz das Ding mit den Namen ohnehin nochmals vielfältiger. Zum Glück.

Heute sind die Reihenfolgen im Leben nicht mehr so berechenbar. Im Zeitalter des Multitasking, frei nach dem Motto „Zwar hier, aber nicht nur“, stehen auch die Reihenfolgen in den Lebensläufen nicht mehr fest. Man ist noch nicht auf der Welt, hat aber schon einen Kitaplatz oder eine Diagnose. Dann kommt man auf die Welt und wird gleich frühgefördert oder operiert. Während der Schule hat man noch ein paar Hobbies, auf denen man Karriere machen sollte – Sport oder Musik oder so. Durchschnitt zu sein reicht heute ja auch nicht mehr. Deshalb werden neben dem Kind sein und erwachsen werden noch ein paar Talente gefördert. Ausbildung, arbeiten – aber bitte mit Fort- und Weiterbildungen, zeitgleich noch ein paar Lebensabschnittspartnerschaften, irgendwann schneit es einem dann doch ein Kind oder zwei rein, vielleicht heiraten, aber ender weniger. Noch ein paar Hobbies, vielleicht noch ein paar spirituelle Verirrungen auf der Sinnsuche; vielleicht auch noch ein paar LebensabschnittspartnerInnen. Dann wird man älter – aber vital, bitte. Und dann würde man pensioniert werden, arbeitet aber noch weiter und wenn man Zeit hat, stirbt man. Sterben wäre ja ein natürlicher Prozess, hat aber bei uns fast keinen Platz mehr. Leben, leben, leben! Das Leben auskosten, bis zur letzten Minute. Sterben ist hart heute. Meine Grossmutter ist seit bald einem Jahr am Sterben. Sie nimmt sich unglaublich viel Zeit dafür. Sie macht kein Multitasking beim Loslassen. Sie fordert dabei höchste Konzentration – von sich und dem Umfeld. Sie geht gnadenlos jede Stufe des Sterbens durch – oder der Tod mit ihr. Ich weiss es nicht genau. Jedenfalls hält sie dabei die Reihenfolge ein.

«Muu-Muu», sagt sie und in meinen Gedanken sehe ich sofort eine prächtige Bergkulisse vor einem strahlend blauen Himmel, vereinzelte sanft geschwungene Wolken, die Sonne, saftige grüne Weiden, satte Kühe, die rumstehen und fressen wie halt Kühe so rumstehen und fressen: auf ihre sehr eigene, ruhige Art. Doch meine romantischen, naturverbundenen Assoziationen sind falsch. Es geht nicht um Wiederkäuer. Hier spricht eine erwachsene Frau von ihrem Geschlechtsorgan, respektive umschreibt sie es. Und das nervt. Es ist ein Problem. Ich gehe ja schliesslich auch nicht in ein Restaurant und bestelle ein «Blub-Blub». Einerseits, weil der Kellner nicht wüsste, ob ich eine Cola, ein Sprite oder ein Bier möchte, andererseits weil sich etliche Köpfe nach mir umdrehen und heimlich «infantiler Scheiss» denken würden. So wie ich jetzt.

An Begriffen für die primären Geschlechtsmerkmale würde es ja nicht fehlen. Trotzdem sprechen viele Frauen von «da unten», während ihnen die Schamesröte vom Futz in den Kopf steigt, was für alle Beteiligten weder hilfreich noch lustvoll ist. Woher kommt das?
Schon bei Kleinkindern fängt die Sprachlosigkeit der Erwachsenen an: Die herzigen Händchen und Füsschen werden liebkost, der ganze Körper des Kindes benannt. Nur bei den Geschlechtsteilen der Kinder geraten die Eltern ins Stocken. Dabei weiss man heute, dass eine gesunde Sexualerziehung von Kindern Offenheit als oberstes Credo praktiziert – natürlich mit Berücksichtigung der Unterscheidung zwischen der kindlichen Sexualität und derjenigen der Erwachsenen. Die kindliche Sexualität bezieht sich hauptsächlich auf die Entdeckung des eigenen Körpers und die Reaktionen des Körpers auf eigene Berührungen. Die Benennung aller Körperteile, inklusive der Geschlechtsorgane, und deren sprachliche Wertschätzung sind somit wichtig. Oder wie will man wissen, was etwas ist, wo es ist und was es bedeutet, wenn man den Begriff dazu nicht kennt? Schliesslich hängen ja auch Wegweiser und Strassenschilder an neuralgischen Punkten, schlicht und einfach zur Orientierung.

So oder ähnlich hilflos kann es zugehen, wenn Kinder ihre Geschlechtsteile entdecken und von den Eltern darüber Aufklärung erwarten. Und wie will ein Kind nun seinen Körper kennen und dafür ein gutes Gefühl entwickeln, wenn «da unten» von den Eltern weder positiv wahrgenommen noch benannt wird? Dass man in solch einem Fall das irritierende Sprachbild sowie einen verklemmten Umgang mit der eigenen «Muu-Muu» als Erwachsene beibehält, erstaunt also wenig. Dabei wäre es so einfach, wichtig und gewinnbringend, locker über den ganzen Körper, inklusive der Geschlechtsteile, zu sprechen.

Es gäbe diesbezüglich ja auch eine Fülle an Begrifflichkeiten – zugegeben, auch hier mangelt es beträchtlich an Offenheit oder Adäquanz. Die Begriffe tendieren entweder in Richtung schweissige Platinblondine mit Intimrasur, die vom Rohrverleger Max mit dem Slogan „Ich komme immer!“ an den Kühlschrank gefickt wird, oder in Richtung verhüllende, ja poetische Schönfärberei mit Jane-Austen-Romantik und dementsprechender Abstraktheit. Es gibt Scheide, Futz, Fotze, Böiseli, Böisi, Vagina, Muschi, Pussy, Chatte, Loch, Ritze, Schnäggli, Feige, Liebeshöhle und Garage – um hier nur einige zu nennen. Auf Englisch spricht man auch vom beaver (Bieber), die Franzosen nennen es verträumt la pâquerette (Gänseblümchen), die Italiener versenken sich im pozzo (Brunnen), die Russen singen von der schschojoka (Spalte), die Spanier lecken die almeja (Muschel) aus und die Türken träumen von der saftigen şeftali (Pfirsich). Yoni meint wiederum die weiblichen Genitalien auf Sanskrit, der Sprache des Kamasutra, und die Vulva rundet das Begriffsfeld von der medizinischen Seite ab. Die Vulva umfasst im Gegensatz zu den vorangehenden Begriffen die weiblichen Genitalien in ihrer Gesamtheit. Darin enthalten sind der Venushügel, die grossen und die kleinen Schamlippen, die Klitoris, der Scheidenvorhof, die Harnröhrenöffnung und der Scheideneingang. Den SexpertInnen unter Ihnen fällt es schon auf: Vulva schliesst ein und nicht aus. Vulva ist die Lustwiese und die Scheide nur das eine Blümchen darauf. Und wer möchte nur einige Quadratzentimeter erogene Zone beackern, wenn es ganze Hektaren zu bestellen gäbe? Doch mit dem medizinisch korrekten Begriff tun sich viele Leute schwer – er will irgendwie nicht so leicht über die Lippen kommen.

Verkompliziert wird das Ganze durch den Gegensatz einer hypersexualisierten Welt, in der die gefragtesten Praktiken der Pornoindustrie angewendet werden bzw. zumindest deren Begrifflichkeiten rege gebraucht werden. Mit Cumshots wird wilder um sich geschossen als in jedem Spaghetti-Western in den 60ern und Gangbang ist nicht mehr nur den italienischen Politikern vorbehalten. Nur mit der Benennung der Hauptdarstellerin, der Diva Vulva, will es nicht so recht klappen. Ihr Name ist unbekannt, kein Stern in der Hall of Fame. Und schwer tun sich nicht nur die Trägerinnen der schönen Unbekannten, sondern auch deren Verehrer. Denn die weiblichen Geschlechtsorgane sind geheimnisvoll und visuell komplexer gebaut als die männlichen. Es ist von Vorteil, wenn die Frau nicht nur «da unten» kennt, sondern benennen kann. Denn das hilft auch den LiebhaberInnen, die gefragte erogene Zone zu finden. «Leck meine Vulva!» – die Aufforderung, die richtig ausgeführt bestimmt mehr Lust bereitete als «Lick my pussy!» würde beim Akt wohl zu mehr sprachlicher Irritation als zu Ekstase führen – Vul-Was?

Doch nicht nur bei den weiblichen Geschlechtsorganen besteht sprachliche Not, sondern auch bei den männlichen. Erstaunt hat mich folgende Bemerkung: Bei den Jungs sei es ja einfacher mit der Begrifflichkeit, wird mir gesagt. Da gäbe es das Wort «Schnäbi». Das sei ja noch hübsch und könne nicht nur als Kind, sondern auch als Erwachsener verwendet werden. Aber für die Frauen fehle einfach das Pendant und das sei ja wirklich bedauernswert. Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger bin ich einverstanden: Zum aus meiner Sicht kindlichen «Schnäbi» gibt es im Berndeutschen auch ein härziges Wort für Scheide, nämlich «Schlitzli». Der Clou ist aber, dass beide nur für einen Teil der jeweiligen Geschlechtsorgane stehen und somit mindestens die Hälfte der primären Geschlechtsorgane unbenannt bleiben. Das Schnäbi ist übersetzt der Penis. Es gehen also die empfindlichen Hoden vergessen, die im Hodensack beherbergt sind. Das Schlitzli meint die Ritze, also je nach Definition nur den Scheideneingang oder die Schamlippen.

Trotzdem sind das Schnäbi und das Schlitzli ziemlich im Trend, denn das bringen sogar prüde Eltern über die Lippen. Falls nicht, hören es die Kinder dann in der Kindertagesstätte vom Personal, wenn sie gewickelt werden. Und wenn die Kleinen dann mal gross sind, lernen sie spätestens mit Beginn der Pubertät, wenn ihre Lenden brennen, «Schwanz» und «Futz» kennen. Obwohl diese Worte hart klingen, finde ich sie im Zusammenhang mit Sex adäquat: Ficken, Schwanz, Futz. So CK-W-Z-TZ-Worte. Hart, aber ehrlich. Sie stehen für das, was sie sind. Ein bisschen fein, ein bisschen grob. Melodiös, aber simpel. Ehrlich. Pur. Reduziert. Schweiss. Sex. Humor.

Humor? In der Sexualität darf man ja auch nicht immer alles so ernst nehmen. Grenzen des Gegenübers unbedingt, aber Begrifflichkeiten? Political Correctness kann überfordern und dazu führen, dass einem der Orgasmus im Hals stecken bleibt. Und der müsste ja weiter unten raus, sonst «fägt» das ja nicht. Würde ich also alles richtig machen, müsste ich meine Geschlechtsorgane so benennen, dass es für mich stimmt und mein Gegenüber trotzdem noch weiss, wovon ich spreche. Auch hier muss man sprachliche Abstriche machen, wie so oft. Natürlich finde ich Vulva politisch und medizinisch korrekt, aber finde ich es sexy? Und müsste ich nicht noch genauer werden? Ich möchte ja nicht immer den ganzen Acker gleichzeitig bestellt haben, sondern diverse Beete nacheinander. Es wächst ja auch nicht alles Gemüse in derselben Saison. Und wie soll der Bauer oder die Bäuerin nun wissen, wo wann gejätet, gepflügt, gesät und gegossen werden muss? Es ist also schwierig, gleichzeitig medizinisch und politisch korrekt, erregt, konkret und sexy zu sein. Apropos sexy und Humor und so: Die handwerklich begabten Engländer sprechen von ihrem tool (Werkzeug), die bescheidenen Franzosen vom zizi (Zipfelchen) und die weniger bescheidenen vom noeud (Knoten). Die Italiener haben entweder ein pisello (Erbse) zwischen den Beinen oder einen uccello (Vogel). Die Spanier verführen mit den Tricks eines cimbels (Lockvogel) und die Russen locken mit einem wohl ideologischen Überbleibsel oder ihrer Veranlagungen zum Praktischen, nämlich mit einem balda (grosser Hammer). Leider lässt sich also auch im Ausland kein männliches Pendant zur deutschen Vulva finden. Wie würde der politisch und medizinisch korrekte Einzelbegriff für Hoden, Hodensack und Penis heissen, wenn ich ihn jetzt entwerfen müsste? Von Vulva zu Vulvo? Oder führte das zu Verwechslungen mit Volvo und Männer würden ihrem Penis und dem Drumherum künftig «Brm-Brm» sagen? Und fände das überhaupt jemand schlimm – ausser ich vielleicht? Weil «Brm-Brm» passt ja irgendwie zu «Muu-Muu».

Maa-Maa

Michèle Rothen hat wieder ein Buch geschrieben. Wieder süffig, witzig, politisch unkorrekt, ehrlich, in your face.

Wie wir Frauen sein können, wissen wir nun bereits schon. Obwohl uns da unendlich viele Wege offen stehen und viele Irrungen und Wirrungen mit sich bringen – wir können sie aber mit erhobenem Haupte (er)tragen. Und wenn wir sie nicht mehr ertragen, machen wir einen klugen Witz oder stellen eine irritierende Frage. Somit können wir Verantwortung übergeben.

Wer nun wissen möchte, wie es sich anfühlt, Mutter zu sein, sollte das hier lesen: http://www.echtzeit.ch/buecher.php?id=234

Es geht um Brüste, die so voll sind, dass man sie nicht (be)rühren oder schütteln darf – James, stay away! Es geht um den Körper und wie er mit der Schwangerschaft öffentliches Gut wird. Es geht um Frauen, die Frauen die gerade geboren haben, auf ihr Äusseres reduzieren. Und dabei vergessen, dass sich diese Frauen 9 Monate lang nicht nur ein verdammtes Organ haben wachsen lassen im eigenen Körper – sondern ein Mensch! Hallo?! Macht das mal nach! Wenn interessieren da noch fettige Haare? Eben.
Es geht um Vulvas nach der Geburt. Mein Lieblingsabsatz aus dem Buch dazu: „So ein Futz habe ich noch nie gesehen. (…) Ich hatte sogar das Gefühl, die Ärztin habe meine inneren Schamlippen an die äusseren genäht.“ Wie erfrischend! Eine Frau die über ihre Vulva spricht, als sei es eine Baustelle. Denn es ist eine Baustelle – alles verändert sich wieder. Wie so vieles im Leben. Sei es Haltungen, Partner- und Liebschaften, Jobs, Kinder, Wohnungen, Freundschaften, Körper. Alles ist anders. Damit man ein bisschen eine Ahnung hat, obwohl man, bis man ein eigenes Kind hat, wirklich keine Ahnung hat: Michèle lesen.

Wer schon ein Kind (oder mehrere) hat, kann das Buch auch lesen. Keine Zeit ist keine Ausrede! Weil das Buch ist so geschrieben, dass man 5 Minuten lesen kann, das Kind trösten, wieder 10 Minuten lesen, wieder das Kind trösten, 2 Minuten lesen, Schoppen geben, wieder 5 Minuten lesen. Und man weiss immer, worums geht. Denn man steckt ja drin.

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