Ich steh total auf Handschriften. Das merke ich immer wieder. Sie ziehen mich an und stossen ab. Eine spannende, schöne Handschrift ist immer relativ und schwer zu beschreiben. Grundsätzlich mag ich Handschriften von LinkshänderInnen. Weshalb weiss ich nicht genau. Aber ich vermute, dass ich ihnen mehr Charakter zuschreibe und das etwas fahrige daran liebe. LinkshänderInnen-Schriften passieren nicht, sie sind überlegt. Interessant daran finde ich auch, dass über die Hälfte meiner Liebes-Beziehungen LinkshänderInnen waren bzw. sind und diese linken Hälften auch immer die längerfristigen PartnerInnen in meinen Lebensabschnitten sind. RechtshänderInnen sind zwar auch spannend, aber oft bemühter im Handschriftlichen. Was ich bei den Linken auch mag, ist die Handstellung. Der Arm etwas verdreht, geschrieben von schräg oben herab – und schon beginnt mein Herz schneller für die linkischen SchreiberInnen zu schlagen. Schade, schreiben so viele Menschen Emails. Heute sah ich ein wunderschönes Briefpapier inkl. Couverts, es ist sauteuer, aber ich glaube, ich gehe es kaufen, um damit die Briefpost, die romantische, wiederzubeleben. Ich glaube eben, die Menschen würden in handschriftlich geschriebenen Briefen wieder viel Existenzielleres über sich erfahren – im Gegensatz zum oft banalen und unpersönlichen virtuellen Kontakt oder diesen ***-Blogs. Ich schreibe mit der Rechten, mein Herz schlägt auf der Linken.
Frühlingsaugenblick 16. März 2009
Zwei 16jährige Menschen schmusen im Tram rum. Das Mädchen hat blonde Haare und drei Zöpfchen, die die Kopfhaut spannen. Er, der Hiphopjunge, hat angeknabberte Fingernägel und eine Gelfrisur. Sein roter Trainingsanzug passt zu ihrem engen, grell pinken Top. Alles wunderbar. Die Küsse der beiden sind zart und etwas schüchtern. Eine Frühlingsliebe eben.
Die Kinder auf der Strasse spielen, jedoch andere Spiele als im Winter. Die Rollschuhe knattern auf dem Weg, der noch übersät ist mit Kies gegen die Eisglätte. Sie trage die farbigen Pullover und Lachen laut. Die Mütter schauen aus den Fenstern, die etwas länger geöffnet sind als sonst, den Kindern zu.
Die junge Frau, wie alt ist sie wohl?, steigt mit ihrem Kind ins Tram ein. Die Tochter lacht und isst Bananenbrot, schneidet Grimassen und geniesst mit geschlossenen Augen die Aufmerksamkeit der Fahrgäste und das süsse Gebäck.
Die Vögel auf den spriessenden Ästen der Büsche singen ungefragt und laut ihre Melodien, die schon in fernen Ländern den Abend begrüssten.

Der Himmel ist blau, sicher bilde ich es mir ein, doch ein wenig blauer als sonst immer, als wenn die Tage noch zum Winter zählen. Die letzten Sonnenstrahlen kitzeln die ersten Sterne und der Flugzeugstreifen am Horizont verschwimmt.
Ich schnuppere beim Aussteigen in die lauwarme Luft, und geniesse die ersten Atemzüge des Frühlings. Das Jahr wird gut.
Von Asche und Wind 20. Februar 2009
Sie hat den Hörer aufgelegt, das Leben geht weiter. In der Küche setzt sie Wasser auf. Atmet das erste Mal durch. Gestorben. Das Wasser kocht. Welchen Tee mag sie trinken? Alles ist so unwichtig. Lindenblütentee. Eine Tasse nur. Keine Kanne. Keine Lust. Ziehen lassen. Zeit vergeht. Dumpfe Worte. Gestorben. Die Nachricht wird ans Hirn gesendet. Verarbeitung findet nicht statt. Sehr müde. Noch ein bisschen TV junken. Das Leben geht weiter. Wie immer. Noch müder. Zähne putzen. Sie fällt ins Bett. In den schwarzen, tiefen Schlaf. Am Morgen wacht sie auf. Glücklich. Erholt. Vergessen. Dann wieder. Gestorben. Eingeholt von der Nachricht. Gesendet vom Hirn an das Herz. Erstes Begreifen. Erste Bewegung in der Seele. Trauer. Das Leben geht weiter. Aufs Klo gehen. Wieder ins Bett. Nochmals einlullen lassen. Schwer schlafen. Wieder aufwachen. Erschlagen von der Nachricht. Viele Gefühle breiten sich im Körper aus. Von Kopf bis Fuss. Aufstehen. Das Leben geht weiter. Die Tränen warten. Unter der Erde. Im Wind. Die Asche fliegt.
das Kleid 8. Februar 2009
Es ist aus Wolle und mehr als doppelt so alt wie ich. Gefunden habe ich es in einem zerschrissenen Mottensack an einem Sonntag Nachmittag auf dem Dachboden meiner Grossmutter. Mein Grossmutter ist grandios, war mal graziös und wirft nichts weg. Gott sei Dank. Das Kleid, staubig, vergessen und unscheinbar, wartete auf mich. Ausgepackt begann es im verklärten Dachbodensonnenlicht wieder zu atmen. Und als ich es mir überstreifte, mit Übermut und Neugier, wieder zu leben.
Gewaschen hab ich es. Sorgfältig, damit der alte Stoff nicht in Brüche geht. Denn es stammt aus einer anderen Zeit. Zeit ohne Waschmaschinen. Ohne Weichspühler. Ohne Fernseher. Mit Radio. Gerade zwei Weltkriege hinter sich. Eine Hippie-Revolution vor sich. Zeitgeschichten. Als es duftete, so rein wie der junge Frühling, also nach nichts, zog ich es mir über und fragte die sanften Hände, mir den Reissverschluss hochzuziehn. Es ist ein Kleid, das man nur tragen kann, wenn man jemanden hat, mit jemandem lebt und zusammenwohnt. Jemanden, der genug vertraut ist, das Kleid am Rücken zu schliessen. Alleine geht das nicht.

Das Kleid mit der Geschichte passte auf meinen jungen Körper wie angegossen. Es war anderes als alles andere was ich auf meiner Haut je trug. Und ich fühlte, wie das Kleid in die neue Welt staunte, nach diesen Jahrzehnten Schlaf unter dem Dach. Wachgeküsst. Und alles, was es sah, in sich aufzog. Das Kleid sagte mir, das es erleben wollte. Es zog mich raus. Und das Kleid zog alle diese iPods, diese schnurlosen Telefone, diese Lichter, diese Musik, diese Sprache, diese Gesichter, diese neuen Eindrücke in sich auf. Ich zeigte dem Kleid meine Welt. Die sich an den selben oder ähnlichen Plätzen meiner Grossmutter abspielt und anders nicht sein könnte. Und während ich das Kleid ausführte, sein Stauen spührte und es hin und wieder glatt strich, weil es sich vor Spass kringelte, wünschte ich mir, dass dieses Kleid eine Stimme hat. Eine Stimme um mir seine Erlebnisse erzählen zu können. Es wären Geschichten, die ich von meiner Grossmutter kenne. Aber inkomplet. Diesmal erzählte mir das Kleid sie ganz und aus seiner Perspektive. Die des Körpers, nicht die des alternden Geistes. Aber das Kleid blieb stumm. Denn ein gutes Kleid verrät die Geheimnisse seiner Trägerin nicht. Und das ist gut so. Ich weiss, es hat eine gute Seele.
…where my home is 17. Januar 2009
Die Winterwälder rasen vorbei. Sie erinnert sich. Wegen dem Tunnel. Sie fährt mit dem Zug durch. Die kalten Wände, der feuchte Geruch. Wie im Sommer. Als sie verheult neben ihrem Vater im Cabrio sass, das Kopftuch vergessen. Deshalb wilde Haare im Fahrtwind, die sie lachen liessen. Dazwischen Tränen und vom Vater ausgewählte Musik. Sommer, Sonne, Tempo, Berge, Pässe, Kurven, Seen. Unglück. Glück. So nahe beeinander. Ein halbes Jahr ist vergangen. Bisschen mehr. Die Tränen sind getrocknet. Und jetzt wieder. Sonne, Tempo, Berge, Pässe, Kurven, Seen, Schnee und Winter. Diesmal allein. Diesmal mit eigener Musik. Diesmal im Zug. Diesmal von der anderen Seite kommend. Mit dem selben Ziel. Die Heimat sehn und nach Hause kommen. My heart is…
Wenn das letzte Jahr auf der Strasse liegt… 15. Januar 2009
Achtlos hingeworfen liegen sie im braunen Schnee. Dieser hat seine Farbe verloren. Der blasse, weiche, weisse Schnee. Jetzt ist er braun und hart. Trägt einen nicht mehr wie auf Wolken, sondern lässt ausrutschen, verlangsamen und fallen. Merkwürdig, diese Laune der Natur. Der Schnee wirkt dieses Jahr wie eine alte Frau, die einen sehr herzlich an die Brust drückt, an die warme, wohlriechende um im nächsten Moment böse und giftig mit den Zeigfinger zu drohen. Aber ich will hier gar nicht über den Schnee und seinen Charakteren schreiben, sondern von den Bäumen.
In der ganzen Stadt liegen sie vor den Haustüren, auf den Trottoirs, auf der Strasse. Die alten Weihnachtsbäume. Manche noch grün und saftig und schreien vor Leben. Andere knorrig, dürr und ganz nackt so ohne Nadeln. Die tun mir dann leid, weil sie aussehen, als seien sie verhungert, ausgemergelt und verreckt. Nun, so liegen sie alle überall in der Hauptstadt und es mutet mir ganz schaurig an, dieser Anblick der Tannen-Leichen. Tod auf der Strasse. Ich habe beim Vorbeigehn das Gefühl, dass diese Bäume ganz viele Geschichten und Bresten des letzten Jahres tragen. All die Verletzungen, die sie sich von ihren BesitzerInnen anhören mussten, hangen nun wie durchsichtige, grosses Weihnachtskugeln irgendwo zwischen den Ästen. Und so werden die Bäumen aus dem Fenster auf die Strasse geworfen, mit der Hoffnung, nicht nur die Tanne sondern auch noch alles Emotionale entsorgen zu können. Hinter sich lassen.
Ich habe keinen Baum. Ich müsste auch nichts hinter mir lassen, was ich nicht schon losgelassen hätte. Dafür hängt vom Advent noch immer ein Mistelzweig über meiner Schwelle und wartet darauf, beim Küssen Glück mitgeben zu können. Und wenn alle Tannen abgeholte wurden, wird er noch immer an seinem roten Band die guten Zeiten verzaubern.
Stille 31. Dezember 2008
Oben
In den Bergen
Webe ich mir ein Lied
Ich nehme
Wind und Schnee
Sonne und Lachen
Blauer Himmel und Frische Luft
Holz und Feuer
Sterne und Milchstrasse
Weiss, grau und schwarz
Keine Menschen und Kälte
Das Lied wärmt an anderen Tagen
Wenn ich es mir über die Schultern lege
Ich nenne es Stille
Doch hier in der Stadt funktioniert es nicht
Ich muss wieder nach
Oben
In den Bergen
Webe ich mir dann ein neues Lied
Vielleicht wäre ich dann glücklich* 23. Dezember 2008
* Dort
Hinten in der Garage steht der Plattenspieler. Er ist schon lange dort – man kann mit dem Finger Zeichnungen in den Staub malen. Der Spieler ist ein Geschenk meines Vaters. Vater ist gestorben – die Leber.
Ich habe meinen Erzeuger ein Mal in meinem Leben gesehen. Meine Mutter schickte mich mal in den Ferien zu ihm. Ich war zwölf Jahre alt und verstand die Sprache dort nicht. Dort ist im grünen Land mit viel Schafen und Whiskey. Genauer: Dort ist ein Kaff am Meer. Fischer, Möwen und kaputte Strassen. Eigentlich waren nicht nur die Strassen kaputt, sondern auch die Häuser, die Schiffe und manchmal auch die Menschen.
Am Morgen gab’s immer Würste, die grässlich stanken, fettige Pilze und zerstampfte Bohnen, die aussahen wie frisch erbrochen.
Am Mittag gab’s immer Regen.
Am Abend gab’s immer Whiskey, Ale und Schlägereien.
In der Nacht kreischten die Lachmöwen und raubten mir den Schlaf.
Es war schön dort. Spannend, ehrlich, rau und stark.
Der Duft vom Öl, Meer und totem Fisch. Das saftige Gras, das so stark war, dass es in den Rücken stach, wenn man darauf lag. Die Punkte auf dem Wasser, die sich beim Näher kommen als Schiffe entpuppten. Der Rauch aus den Fabriken, der so grau war, wie der Himmel. Das Fett, das warm durch die Zeitung auf die Hand tropfte, während man die Chips mit Essig in den Mund stopfte. Vaters Gutenachtkuss, der immer bitter nach Kautabak roch.
Ja, es war wirklich schön dort.
Die Ferien waren bald vorüber. Zum Abschied schenkte mir Vater ein Paket. Hätte er mich geliebt, hätte er mir sicher eine Flasche geschenkt. Doch ich bekam keinen Whiskey, sondern einen Plattenspieler.
Ich hatte keine Platten, meine Mutter kein Geld um Platten zu kaufen. Also stellte ich das sperrige Ding neben die faulen Äpfel in die Garage. Dort steht der Spieler noch immer.
Vielleicht würde ich ihn hervor holen, den Staub und die Zeichnungen wegwischen. Wenn ich denn Platten hätte.
Vielleicht würde ich weinen und mich trösten lassen von der Musik. Oder lachen und tanzen und die Nadel würde hüpfen und die Musik kurz unterbrechen. Vielleicht würde ich den silbernen Knopf drehen und lauter singen als die Musik spielt. Laut und falsch. Vielleicht würde ich zur Musik den Abwasch machen. Oder auf dem grünen Sofa einen Mann verführen.
Vielleicht würde ich auch die Kiste mit den Bildern von dort durchstöbern. Und dann könnte es sein, dass ich meine Koffer packen würde, nach dort reisen und mal schauen was so geht. Ich könnte ins Pub gehen, den Männern bei der Schlägerei zusehen und mich dann von einem von ihnen nach Hause mitnehmen lassen.
Vielleicht wäre ich dann glücklich
Vielleicht lasse ich den Plattenspieler auch in der Garage stehen und warte, dass er noch mehr Staub ansetzt. Ich mal’ dann mit den Fingern beim Vorbeigehen einen neue Zeichnung rein.