Sie hatte sich die Hände abgewaschen, vielleicht das zehnte Mal heute Abend und eingecremt. Sie hat so eine Phobie, sie weiss das und schliesslich will die Handcremenindustrie auch etwas verdienen. Zudem kostet gute Handcreme kaum was, also ein ungefährlicher Tick. Ein langer Blick in den Badzimmerspiegel, es ist einsam so alleine. Manchmal ist es eben nicht einsam alleine. Heute schon. Heute ist alles anders. Auch das Licht, es leuchtet unfair, die Falten, man sieht sie schon. So alt bin ich nun wirklich noch nicht, denkt sie, aber das Leben ist hart und manchmal grausam und die Haare werden auch grau deshalb. Oft ist es aber gut. Trotzdem noch eine Creme. Die kleine teuere, hoffentlich nützt sie was. Schliesslich muss der Marktwert erhalten bleiben. Der Boden knarzt im Zimmer und die Lampe, diesmal eine faire, spiegelt ihr Licht im Boden – es ist warm. Das Bett ist zu gross, er fehlt. Sie kann deshalb in der Mitte schlafen. Am Rand schlafen. Die Decke für sich brauchen. Die Decke auf dem Sofa lassen und ohne schlafen. Ohnehin auch nicht schlafen. Doch das kam schon lange nicht mehr vor. Sie schläft gut, seit sie ihn kennt. Es gibt ja Menschen, da wünscht man sich, sie früher kennen gelernt zu haben. Bei ihm ist das nicht so. Er kam genau richtig. Nicht zu früh, denn das wäre alles nicht gegangen, weil sie andere waren. Und nicht zu spät, weil es ja bekanntlich schnell geht. Also perfekt.
Früher, als es nicht perfekt war, hatte sie diese Gefühle, sie kennt sie schon lange, diese Gefühle, seit Kind eigentlich. Als Mutter und Vater sich stritten legte sie sich in die Mitte unter ihr Ehebett, hatte fast kein Platz, weil die Verstrebungen so weit zum Boden runter reichten und lag also dort und es zerriss sie fast innerlich. Als sie grösser wurde, kam noch ein Bild dazu. Es war wie von einer Ecke zur anderen auf einem riesigen Tennisplatz Tennis zu spielen. Endlos langsam. Endlos weit. Endlose Unendlichkeit. So waren die Gefühle. Grün. Deshalb nennt sie diese Gefühle die Tennisplatzgefühle. Weshalb Tennis, weiss sie auch nicht so genau. Mit Tennis hat sie genau so viel am Hut wie mit Fussball oder keine Ahnung, was gibt es noch für Platzsport? Also nichts. Naja, nicht gar nichts. Sie gleicht so einer Tennisspielerin, sagt er, der hübschen Blonden. Früher, rein äusserlich, verglichen die anderen sie mit einer anderen Tennisspielerin. Nun, zum Glück auch schon lange nicht mehr. Sie hatte also nur eine Ähnlichkeit mit dieser Tennisspielerinnen mit dem Kokainproblem und den Waschmaschinen, sagten die anderen. Also nix mit Tennis. Und trotzdem hatte sie wieder diese Tennisplatzgefühle und sie waren schön und vertraut und schmerzhaft und sie wusste dann schon, was dies heisst und was sie zu tun hatte. Und sie tat es und dann wurde alles gut. Perfekt. Quasi.
Tennisplatzgefühle
31. Oktober 2011 von Femi June