Fuck Barbie!

Alltagsmärchen, Geschlechterprovokation & Lügengeschichten

Vom Glück oder eine Rezession 30. April 2009

Gespeichert unter: Alltag — Femi June @ 14:58

Es ist einer dieser Nachmittag, wofür es sich zu leben lohnt. Ein Nachmittag, der nicht erlebt, sonder gelebt wird. Das Leben wird gerade zu zelebriert. Aber nur bescheiden. Und alleine. Dafür doppelt glücklich.

Ich habe Ferien (tatsächlich habe ich Selbstudium), bin in einer fremden, spannenden Stadt, zum Beispiel in Berlin (tatsächlich bin ich in Bern) und bin absolut zufrieden (tatsächlich!). Neben mir steht mein Fahrrad mit den geblümten Sattel, der Himmel trägt die wunderschönen, wattigen Wolken zur Schau und flirtet mit der Sonne. Ich sitze in orangen Stühlen vor dem Kario mit dem besten Kaffee von Bern und und habe nur eine Zigarette. Die letzte Zigarette (hoffentlich nicht schon wieder die letzte, sonder tatsächlich die letzte). Und ich habe ein Buch. Noch besser, ich habe die 10 letzten Seiten eines guten Buches und ich habe Kaffee und Wasser und diese Parisienne und blauer Himmel und frei und Zeit und mich und mein Glück. Niemand darf mich stören. Das Buch, es ist grässlich. Grässlich gut. Ich habe mir nach der 22 Seite überlegt, es zuzuklappen, weil es mich so angewiedert hatte. Das war gestern Abend. Aber es war zu grässlich gut. Und jetzt habe ich es fertig gelesen und dazwischen die letzte Zigarette geraucht und das Kaffee getrunken in kleinen Schlucken und am Schluss bin ich gegangen. Mit meinem Fahrrad davon gefahren in den freien Nachmittag.

kairo

Die DarstellerInnen auf dem Foto: Das Buch, der Kaffee, das Wasser, der Zucker, die Zigi und der Himmel, der blaue. Aufgenommen im Café Kairo in Bern. Der Fotofilter heisst Glück.

(Das Buch übrigens heisst „aufgrochsen“, geschrieben hat es Roland Reichen. Spielen tut es in der Schweiz und so ist auch die Sprache. Beginnen tut es mit der Geschichte vom Buben, der dank einer zu stolzen Mutter eine Hirnhautentzündung hat und dabei dumm wird. Und von einem Mädchen, das dank Ärztepfusch zwei krumme Beine hat und dem der Lehrer in der Schule ins Hösschen langt. Wie es die Lebensgeschichte will, bzw. die Mutter des Buben, werden der Bub, der nur immer Bub genannt wird, und das Mädchen, das nur immer das Friedli geannt wird – welch Zufall – verheiratet. Der Bub bleibt dumm und wird durch sein Unglück immer dicker. Und das Friedli wird dank dem Buben auch unglücklich und unglücklicher. Und wie es das Leben so will, bekommen die zwei Dummdickenunglücklichenhumpelnden zwei Kinder: der Fifi und der Phant. Und weil der Bub jetzt Vater und unglücklich und dick und gewalttätig und das Friedli jetzt Mutter und unglücklich und ignorierend, werden auch die Kinder nicht besser. Wie so oft. Die Geschichte wiederholt sich. Nur dass die Zeit nicht stehen bleibt. Und der Fifi seine Liebe zu Drogen entdeckt – welch Erleichterung – und der Phant seine Liebe zum Essen, geht die Geschichte weiter. Auch wenn das Buch ausgelesen, zugeklappt und im Gestellt verstaubt.)

 

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