Fuck Barbie!

Alltagsmärchen, Geschlechterprovokation & Lügengeschichten

das Kleid 8. Februar 2009

Gespeichert unter: Alltag — Femi June @ 18:13

Es ist aus Wolle und mehr als doppelt so alt wie ich. Gefunden habe ich es in einem zerschrissenen Mottensack an einem Sonntag Nachmittag auf dem Dachboden meiner Grossmutter. Mein Grossmutter ist grandios, war mal graziös und wirft nichts weg. Gott sei Dank. Das Kleid, staubig, vergessen und unscheinbar, wartete auf mich. Ausgepackt begann es im verklärten Dachbodensonnenlicht wieder zu atmen. Und als ich es mir überstreifte, mit Übermut und Neugier, wieder zu leben.

Gewaschen hab ich es. Sorgfältig, damit der alte Stoff nicht in Brüche geht. Denn es stammt aus einer anderen Zeit. Zeit ohne Waschmaschinen. Ohne Weichspühler. Ohne Fernseher. Mit Radio. Gerade zwei Weltkriege hinter sich. Eine Hippie-Revolution vor sich. Zeitgeschichten. Als es duftete, so rein wie der junge Frühling, also nach nichts, zog ich es mir über und fragte die sanften Hände, mir den Reissverschluss hochzuziehn. Es ist ein Kleid, das man nur tragen kann, wenn man jemanden hat, mit jemandem lebt und zusammenwohnt. Jemanden, der genug vertraut ist, das Kleid am Rücken zu schliessen. Alleine geht das nicht.

das Kleid

Das Kleid mit der Geschichte passte auf meinen jungen Körper wie angegossen. Es war anderes als alles andere was ich auf meiner Haut je trug. Und ich fühlte, wie das Kleid in die neue Welt staunte, nach diesen Jahrzehnten Schlaf unter dem Dach. Wachgeküsst. Und alles, was es sah, in sich aufzog. Das Kleid sagte mir, das es erleben wollte. Es zog mich raus. Und das Kleid zog alle diese iPods, diese schnurlosen Telefone, diese Lichter, diese Musik, diese Sprache, diese Gesichter, diese neuen Eindrücke in sich auf. Ich zeigte dem Kleid meine Welt. Die sich an den selben oder ähnlichen Plätzen meiner Grossmutter abspielt und anders nicht sein könnte. Und während ich das Kleid ausführte, sein Stauen spührte und es hin und wieder glatt strich, weil es sich vor Spass kringelte, wünschte ich mir, dass dieses Kleid eine Stimme hat. Eine Stimme um mir seine Erlebnisse erzählen zu können. Es wären Geschichten, die ich von meiner Grossmutter kenne. Aber inkomplet. Diesmal erzählte mir das Kleid sie ganz und aus seiner Perspektive. Die des Körpers, nicht die des alternden Geistes. Aber das Kleid blieb stumm. Denn ein gutes Kleid verrät die Geheimnisse seiner Trägerin nicht. Und das ist gut so. Ich weiss, es hat eine gute Seele.

 

Leave a Reply