Es ist Frühling und die Menschen gehen raus. Das Schöne daran ist, dass man wieder alle weissen Gesichter sieht, die man nun ein halbes Jahr lang nicht gesehen hat. Das eine oder andere Gesicht ist auch rund geworden, und zwar nicht nur von Bier und Schokolade, sondern von der Frucht im Körper.
Das neue Trendaccessoir von jungen, szenigen, urbanen Frauen und Männer ist ja das Baby. Ich finde das super, weil ja irgendwann jemand meine AHV bezahlen muss und ich als Sozialarbeiterin auf Accessoirbabys angewiesen bin, da diese – sobald in die Ecke gestellt und gar nicht mehr so in und bequem – wahrscheinlich deliquent, aggressiv und gewalttätig werden. Also hab ich auch längerfristig einen Job.
Das Accessoir-Baby finde ich ziemlich gut vermarktet. Zuerst muss man als Frau ganz stolz den grossen Bauch in einem kurzen Top durch die Stadt schieben. Man muss als schwangeres Trendmami auch an Partys gehen und andere ganz böse angucken, wenn sie gegen die Kugel stossen. Oder man kann auch T-Shirts selber bedrucken und dann mit hirnrissigen Slogans auf dem Bauch rumlaufen. Dann kann man die 1000 wunderschönen Strampler mit den 1000 supercoolen Sprüchen kaufen. Oder der obercoolste Strampler: mit einem Skelett drauf. Man kann auch diese süssen Kappen mit Tierohren kaufen, garantierter „iiiiööööh!!!-Effekt“. Alles kein Problem. Hauptsache Baby sieht gut aus.
Was auch praktisch ist, ist der Buggy. Da kann sich die urbane Mami nämlich daran halten, wenn sie mit ihren hohen Hacken über das Kopfsteinpflaster stolpert. Ist viel bequemer also vorher ohne Buggy. Der Buggy muss natürlich von dem Modell sein, wo Heidi Klum ihre Kinder drinn rumschiebt. Auch wenn diese Schalensitze für Babys entwicklungstechnisch gesehen ein Unsinn sind – das Baby wird trotzdem reingequetescht. Und dann nimmt man als urbane, szenige Eltern die Babys natürlich mit in die urbanen, szenigen, verrauchten Lounges und Bars und fragt sich dann, weshalb man von den urbanen, szenigen Kinderlosen merkwürdig angeschaut wird. Die Antwort: Die Kinderlosen stören sich weniger ab dem Geschrei der Kleinen, freuen sich über die nackten Brüste der Mütter, aber finden Babys im Rauch ziemlich dumm bzw. deren Eltern. Leider kann man das den urbanen Eltern nicht sagen, weil sie immun gegen Gutgemeintes sind. („Nein, mein kleiner darf mit der Steckdose spielen. Das darf er immer!“ Das war das letzte mal, dass ich mich in Kindererziehung von anderen Menschen eingemischt habe.)
Das Trendaccessoir hat leider den Nachtteil, dass es nicht immer klein und süss und praktisch bleibt, sondern wächst. Es wird ziemlich gross und eine eigenständige Persönlichkeit. Deshalb wird es auch immer schwerer zu transportieren, schwieriger zu bändigen und teuer. So nach 1-2 Jahren sehen wir dann die urbanen, hippen Eltern mit ihren Trendbabys, die nun schon verwöhnte Trendsaugofen geworden sind. Und nun, wenn man sie so sieht, diese Eltern, die nicht mehr so szenig sind, ist das einzige Accessoir, dass man ihnen wünscht Schlaf und eine Abdeckcreme gegen die Augenringe.
oh ja… am schlimmsten sind die eltern, welche sich und ihre kinder auf dieselbe weise anziehen, wie ihre kinder ihre barbiepuppen. die sehen dann aus, wie kleine erwachsene und ihre eltern, wie grosse kinder. ganz grosses tennis ist das…
[...] Der Buggy muss natürlich von dem Modell sein, wo Heidi Klum ihre Kinder drinn rumschiebt…. Source: Accessoir Baby [...]
Berechtigte Kritik, wie ich finde. Problematisch an der Sache ist ja auch, dass es zur Zeit auf eine Einzelkindgesellschaft hinaus läuft, wodurch die Eltern noch mehr darum bemüht sind, das beste für das Kind zu erreichen und auf dem Kind selbst die Bürde des absoluten Erfolgs lastet.