Vom Feuer oder erste Erinnerung

Ab und an liest man in der Zeitung, dass hier ein Haus abgebrannt ist oder dort ein Brandstifter am Werk war. Ich bedauere dann immer, nicht dabei gewesen zu sein. Denn ich liebe das Feuer. Nicht, dass ich mich ab dem Leid, das das Feuer bringt ergötze, sonder es weckt wohl einer meiner frühesten Kindheitserinnerungen.
Als ich ca. 3jährig war, brannte in der Nach eine Scheune gleich neben unserem Haus nieder. Ich durfte mitten in der Nacht aufstehen, es waren ganz viele Leute draussen und wir bestaunten alle das grosse ungewollte Feuerwerk. Gespannt entsetzt. Der Himmel war orange, die Funken sprühten bis zu den Sternen in dieser klaren Nacht. Ich sass auf dem Arm meiner Mutter und war geborgen und tief beeindruckt von der Gewalt des gierigen Feuers, das dieses riesige Gebäude einverleibte. Auch am Morgen danach glühte das Holz und rauchten die Ruinen noch. Wie ein riesiger, müder Drachen in seinen letzten Atemzügen röchelte das Feuer vor sich hin. Passiert ist nichts. Niemand hatte sich auch nur verbrannt. Es brannte nur eine Sommerernte von Heu für ein paar Kühe. Zwei Kinder haben abends beim Spielen einen Schwellbrand verursacht und nichts bemerkt. Gut, denn sonst kennte ich meine frühste Kindheitserinnerung nicht als imposantes Feuerwerk. Und ich würde bis heute das Spiel mit dem Feuer nicht verstehen

3. Juni 2009. Alltag. Keine Kommentare.

Vom Glück oder eine Rezession

Es ist einer dieser Nachmittag, wofür es sich zu leben lohnt. Ein Nachmittag, der nicht erlebt, sonder gelebt wird. Das Leben wird gerade zu zelebriert. Aber nur bescheiden. Und alleine. Dafür doppelt glücklich.

Ich habe Ferien (tatsächlich habe ich Selbstudium), bin in einer fremden, spannenden Stadt, zum Beispiel in Berlin (tatsächlich bin ich in Bern) und bin absolut zufrieden (tatsächlich!). Neben mir steht mein Fahrrad mit den geblümten Sattel, der Himmel trägt die wunderschönen, wattigen Wolken zur Schau und flirtet mit der Sonne. Ich sitze in orangen Stühlen vor dem Kario mit dem besten Kaffee von Bern und und habe nur eine Zigarette. Die letzte Zigarette (hoffentlich nicht schon wieder die letzte, sonder tatsächlich die letzte). Und ich habe ein Buch. Noch besser, ich habe die 10 letzten Seiten eines guten Buches und ich habe Kaffee und Wasser und diese Parisienne und blauer Himmel und frei und Zeit und mich und mein Glück. Niemand darf mich stören. Das Buch, es ist grässlich. Grässlich gut. Ich habe mir nach der 22 Seite überlegt, es zuzuklappen, weil es mich so angewiedert hatte. Das war gestern Abend. Aber es war zu grässlich gut. Und jetzt habe ich es fertig gelesen und dazwischen die letzte Zigarette geraucht und das Kaffee getrunken in kleinen Schlucken und am Schluss bin ich gegangen. Mit meinem Fahrrad davon gefahren in den freien Nachmittag.

kairo

Die DarstellerInnen auf dem Foto: Das Buch, der Kaffee, das Wasser, der Zucker, die Zigi und der Himmel, der blaue. Aufgenommen im Café Kairo in Bern. Der Fotofilter heisst Glück.

(Das Buch übrigens heisst “aufgrochsen”, geschrieben hat es Roland Reichen. Spielen tut es in der Schweiz und so ist auch die Sprache. Beginnen tut es mit der Geschichte vom Buben, der dank einer zu stolzen Mutter eine Hirnhautentzündung hat und dabei dumm wird. Und von einem Mädchen, das dank Ärztepfusch zwei krumme Beine hat und dem der Lehrer in der Schule ins Hösschen langt. Wie es die Lebensgeschichte will, bzw. die Mutter des Buben, werden der Bub, der nur immer Bub genannt wird, und das Mädchen, das nur immer das Friedli geannt wird – welch Zufall – verheiratet. Der Bub bleibt dumm und wird durch sein Unglück immer dicker. Und das Friedli wird dank dem Buben auch unglücklich und unglücklicher. Und wie es das Leben so will, bekommen die zwei Dummdickenunglücklichenhumpelnden zwei Kinder: der Fifi und der Phant. Und weil der Bub jetzt Vater und unglücklich und dick und gewalttätig und das Friedli jetzt Mutter und unglücklich und ignorierend, werden auch die Kinder nicht besser. Wie so oft. Die Geschichte wiederholt sich. Nur dass die Zeit nicht stehen bleibt. Und der Fifi seine Liebe zu Drogen entdeckt – welch Erleichterung – und der Phant seine Liebe zum Essen, geht die Geschichte weiter. Auch wenn das Buch ausgelesen, zugeklappt und im Gestellt verstaubt.)

30. April 2009. Alltag. Keine Kommentare.

Wenn man gross ist oder Das Wort zum Freitag

Über den Schatten, den meinen
Springe ich schon lange nicht mehr

Ich hab ihn hinter mir gelassen

17. April 2009. Alltag. Keine Kommentare.

B-Post oder Wohin mit den Gefühlen?

Könnte man die wunderbaren, unerwünschten Gefühle wegpacken
Ich würd sie in Kisten sperren und in den Keller stellen
Oder verbrennen wie trockenes Holz
Oder im Garten vergraben

Doch das alles nützt nichts
denn sie blühen wie Blumen im Frühling
Die wunderbaren, unerwünschten Gefühle

Ich sende sie dir B-Post
Damit du sie erst in Tagen erfahren wirst

10. April 2009. Alltag. Keine Kommentare.

Von Schriften

Ich steh total auf Handschriften. Das merke ich immer wieder. Sie ziehen mich an und stossen ab. Eine spannende, schöne Handschrift ist immer relativ und schwer zu beschreiben. Grundsätzlich mag ich Handschriften von LinkshänderInnen. Weshalb weiss ich nicht genau. Aber ich vermute, dass ich ihnen mehr Charakter zuschreibe und das etwas fahrige daran liebe. LinkshänderInnen-Schriften passieren nicht, sie sind überlegt. Interessant daran finde ich auch, dass über die Hälfte meiner Liebes-Beziehungen LinkshänderInnen waren bzw. sind und diese linken Hälften auch immer die längerfristigen PartnerInnen in meinen Lebensabschnitten sind. RechtshänderInnen sind zwar auch spannend, aber oft bemühter im Handschriftlichen. Was ich bei den Linken auch mag, ist die Handstellung. Der Arm etwas verdreht, geschrieben von schräg oben herab – und schon beginnt mein Herz schneller für die linkischen SchreiberInnen zu schlagen. Schade, schreiben so viele Menschen Emails. Heute sah ich ein wunderschönes Briefpapier inkl. Couverts, es ist sauteuer, aber ich glaube, ich gehe es kaufen, um damit die Briefpost, die romantische, wiederzubeleben. Ich glaube eben, die Menschen würden in handschriftlich geschriebenen Briefen wieder viel Existenzielleres über sich erfahren – im Gegensatz zum oft banalen und unpersönlichen virtuellen Kontakt oder diesen ***-Blogs. Ich schreibe mit der Rechten, mein Herz schlägt auf der Linken.

28. März 2009. Blabla. 1 Kommentar.

Frühlingsaugenblick

Zwei 16jährige Menschen schmusen im Tram rum. Das Mädchen hat blonde Haare und drei Zöpfchen, die die Kopfhaut spannen. Er, der Hiphopjunge, hat angeknabberte Fingernägel und eine Gelfrisur. Sein roter Trainingsanzug passt zu ihrem engen, grell pinken Top. Alles wunderbar. Die Küsse der beiden sind zart und etwas schüchtern. Eine Frühlingsliebe eben.
Die Kinder auf der Strasse spielen, jedoch andere Spiele als im Winter. Die Rollschuhe knattern auf dem Weg, der noch übersät ist mit Kies gegen die Eisglätte. Sie trage die farbigen Pullover und Lachen laut. Die Mütter schauen aus den Fenstern, die etwas länger geöffnet sind als sonst, den Kindern zu.
Die junge Frau, wie alt ist sie wohl?, steigt mit ihrem Kind ins Tram ein. Die Tochter lacht und isst Bananenbrot, schneidet Grimassen und geniesst mit geschlossenen Augen die Aufmerksamkeit der Fahrgäste und das süsse Gebäck.
Die Vögel auf den spriessenden Ästen der Büsche singen ungefragt und laut ihre Melodien, die schon in fernen Ländern den Abend begrüssten.

Der Himmel ist blau, sicher bilde ich es mir ein, doch ein wenig blauer als sonst immer, als wenn die Tage noch zum Winter zählen. Die letzten Sonnenstrahlen kitzeln die ersten Sterne und der Flugzeugstreifen am Horizont verschwimmt.
Ich schnuppere beim Aussteigen in die lauwarme Luft, und geniesse die ersten Atemzüge des Frühlings. Das Jahr wird gut.

16. März 2009. Alltag. 2 Kommentare.

kleine Werbeunterbrechung

www.rettet-den-bund.ch

5. März 2009. Alltag. Keine Kommentare.

Von Asche und Wind

Sie hat den Hörer aufgelegt, das Leben geht weiter. In der Küche setzt sie Wasser auf. Atmet das erste Mal durch. Gestorben. Das Wasser kocht. Welchen Tee mag sie trinken? Alles ist so unwichtig. Lindenblütentee. Eine Tasse nur. Keine Kanne. Keine Lust. Ziehen lassen. Zeit vergeht. Dumpfe Worte. Gestorben. Die Nachricht wird ans Hirn gesendet. Verarbeitung findet nicht statt. Sehr müde. Noch ein bisschen TV junken. Das Leben geht weiter. Wie immer. Noch müder. Zähne putzen. Sie fällt ins Bett. In den schwarzen, tiefen Schlaf. Am Morgen wacht sie auf. Glücklich. Erholt. Vergessen. Dann wieder. Gestorben. Eingeholt von der Nachricht. Gesendet vom Hirn an das Herz. Erstes Begreifen. Erste Bewegung in der Seele. Trauer. Das Leben geht weiter. Aufs Klo gehen. Wieder ins Bett. Nochmals einlullen lassen. Schwer schlafen. Wieder aufwachen. Erschlagen von der Nachricht. Viele Gefühle breiten sich im Körper aus. Von Kopf bis Fuss. Aufstehen. Das Leben geht weiter. Die Tränen warten. Unter der Erde. Im Wind. Die Asche fliegt.

20. Februar 2009. Alltag. 1 Kommentar.

das Kleid

Es ist aus Wolle und mehr als doppelt so alt wie ich. Gefunden habe ich es in einem zerschrissenen Mottensack an einem Sonntag Nachmittag auf dem Dachboden meiner Grossmutter. Mein Grossmutter ist grandios, war mal graziös und wirft nichts weg. Gott sei Dank. Das Kleid, staubig, vergessen und unscheinbar, wartete auf mich. Ausgepackt begann es im verklärten Dachbodensonnenlicht wieder zu atmen. Und als ich es mir überstreifte, mit Übermut und Neugier, wieder zu leben.

Gewaschen hab ich es. Sorgfältig, damit der alte Stoff nicht in Brüche geht. Denn es stammt aus einer anderen Zeit. Zeit ohne Waschmaschinen. Ohne Weichspühler. Ohne Fernseher. Mit Radio. Gerade zwei Weltkriege hinter sich. Eine Hippie-Revolution vor sich. Zeitgeschichten. Als es duftete, so rein wie der junge Frühling, also nach nichts, zog ich es mir über und fragte die sanften Hände, mir den Reissverschluss hochzuziehn. Es ist ein Kleid, das man nur tragen kann, wenn man jemanden hat, mit jemandem lebt und zusammenwohnt. Jemanden, der genug vertraut ist, das Kleid am Rücken zu schliessen. Alleine geht das nicht.

das Kleid

Das Kleid mit der Geschichte passte auf meinen jungen Körper wie angegossen. Es war anderes als alles andere was ich auf meiner Haut je trug. Und ich fühlte, wie das Kleid in die neue Welt staunte, nach diesen Jahrzehnten Schlaf unter dem Dach. Wachgeküsst. Und alles, was es sah, in sich aufzog. Das Kleid sagte mir, das es erleben wollte. Es zog mich raus. Und das Kleid zog alle diese iPods, diese schnurlosen Telefone, diese Lichter, diese Musik, diese Sprache, diese Gesichter, diese neuen Eindrücke in sich auf. Ich zeigte dem Kleid meine Welt. Die sich an den selben oder ähnlichen Plätzen meiner Grossmutter abspielt und anders nicht sein könnte. Und während ich das Kleid ausführte, sein Stauen spührte und es hin und wieder glatt strich, weil es sich vor Spass kringelte, wünschte ich mir, dass dieses Kleid eine Stimme hat. Eine Stimme um mir seine Erlebnisse erzählen zu können. Es wären Geschichten, die ich von meiner Grossmutter kenne. Aber inkomplet. Diesmal erzählte mir das Kleid sie ganz und aus seiner Perspektive. Die des Körpers, nicht die des alternden Geistes. Aber das Kleid blieb stumm. Denn ein gutes Kleid verrät die Geheimnisse seiner Trägerin nicht. Und das ist gut so. Ich weiss, es hat eine gute Seele.

8. Februar 2009. Alltag. Keine Kommentare.

…where my home is

Die Winterwälder rasen vorbei. Sie erinnert sich. Wegen dem Tunnel. Sie fährt mit dem Zug durch. Die kalten Wände, der feuchte Geruch. Wie im Sommer. Als sie verheult neben ihrem Vater im Cabrio sass, das Kopftuch vergessen. Deshalb wilde Haare im Fahrtwind, die sie lachen liessen. Dazwischen Tränen und vom Vater ausgewählte Musik. Sommer, Sonne, Tempo, Berge, Pässe, Kurven, Seen. Unglück. Glück. So nahe beeinander. Ein halbes Jahr ist vergangen. Bisschen mehr. Die Tränen sind getrocknet. Und jetzt wieder. Sonne, Tempo, Berge, Pässe, Kurven, Seen, Schnee und Winter. Diesmal allein. Diesmal mit eigener Musik. Diesmal im Zug. Diesmal von der anderen Seite kommend. Mit dem selben Ziel. Die Heimat sehn und nach Hause kommen. My heart is…

17. Januar 2009. Kitsch. Keine Kommentare.

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